Dresdner Obergraben-Druckerei: Wie Künstler in der DDR Freiheit eroberten
Lara LangeDresdner Obergraben-Druckerei: Wie Künstler in der DDR Freiheit eroberten
In den späten 1970er-Jahren in Dresden schlossen sich Künstler und Drucker zusammen, um etwas Ungewöhnliches zu schaffen. Die Dresdner Obergraben-Druckerei entwickelte sich zu einem seltenen Ort künstlerischer Freiheit inmitten der strengen Kulturpolitik der DDR. Als Druckwerkstatt, Galerie und Künstlerkollektiv zugleich bewegte sie sich geschickt im Spannungsfeld staatlicher Kontrolle.
Im Zentrum dieser Bewegung standen Persönlichkeiten wie A.R. Penck, Eberhard Göschel und Peter Herrmann. Ihre Zusammenarbeit machte die Druckerei zu einem der experimentierfreudigsten Kunstzentren der Zeit – eine Mischung aus staatlicher Förderung und undergroundigem Gestaltungswillen.
Die Wurzeln der Initiative reichen weiter zurück. Bereits 1971 hatte Penck die einflussreiche Künstlervereinigung Lücke mitgegründet, die sich jedoch nur fünf Jahre später wieder auflöste. In dieser Phase verfeinerte er seine Theorie Vom Untergrund zum Obergrund – eine Reflexion über künstlerischen Widerstand und Sichtbarkeit in einer restriktiven Gesellschaft.
Gegen Ende der 1970er-Jahre trieben Göschel und Herrmann, beide Akteure der Dresdner Avantgarde, die Grenzen bereits aus. Beide hatten im Leonhardi-Museum gearbeitet, das für seine mutigen Ausstellungen bekannt war. Als Göschel 1978 in ein größeres Atelier umzog, wurde eine Dreizimmerwohnung frei – ein idealer Ort, um neue Ideen zu erproben.
Die technische Grundlage lieferte eine von Bernhard Theilmann wieder instand gesetzte italienische Druckerpresse aus dem Jahr 1908, die Peter Herrmann besorgte. Jochen Lorenz, ein Drucker, der die Routineaufträge wie Fahrpläne satt hatte, suchte nach kreativen Herausforderungen. Gemeinsam erkannten sie die Chance: eine Werkstatt, in der Kunst und Handwerk verschmelzen konnten – ohne vollständige staatliche Gängelung.
1978 nahm die Dresdner Obergraben-Druckerei offiziell ihren Betrieb auf. Sie fungierte als Hybrid – teils Künstlerkollektiv, teils Druckwerkstatt, teils Galerie – und bewegte sich in einer Grauzone. Staatliche Zuschüsse sicherten ihr Überleben, doch ihr halb-offizieller Status ermöglichte ein Maß an Autonomie, das im DDR-Alltag der Kalten Kriegszeit selten war. Für eine kurze, aber prägende Phase bot sie Künstlern eine Plattform, um Werke zu drucken und auszustellen, die ansonsten wohl zensiert worden wären.
Die Obergraben-Druckerei bestand nur wenige Jahre, doch ihre Wirkung war nachhaltig. Sie bewies, dass selbst unter strengen Restriktionen durch Zusammenarbeit und Einfallsreichtum Freiräume entstehen können. Die Mischung aus offizieller Unterstützung und stillem Widerstand hinterließ Spuren in der Dresdner Kunstgeschichte – Spuren, die bis heute nachwirken.